Man muss geduldig sein (Essay/Auszüge/dt.)

Aus: Über Joachim Brohms frühe Typologie von Schrebergärten
von Ulf Erdmann Ziegler. Erschienen in: Joachim Brohm: Typology 1979; London 2014.

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Es ist etwas Merkwürdiges an diesen Gärten in der Stadt. Sie sind individuell umzäunt und als Anlage nochmals eingeschlossen. Sie sind aufgereiht wie Garagen und dann doch unterschiedlich zugeschnitten. Sie werden nur verpachtet und sind dennoch bebaut. Man kann sie durchaus besichtigen, aber niemand tut es. Dass sie kulturgeschichtlich immer als marginal gegolten haben, war schon gesagt. Aber jenseits dessen umgibt diese Gärten ein Tabu. Wehe dem, der sich mit dem Abseitigen beschäftigt!

Es sind nicht wirklich die Gärten – die Winterbeete und der papierne Himmel sind nur der Rahmen um die Häuser, Häuschen, Hütten und Schuppen. Ein kleiner Palast ist auch dabei. Die Bauten allerdings betrachtet der Fotograf frontal. Sie interessieren ihn. Meistens führt ein Weg vom Tor, das er nicht mit abbildet, direkt zum Gebäude. Das fixiert den Blick. Das Haus sitzt gut und grade im fotografischen Quadrat. Der Blick ist weder entlarvend noch polemisch. Und doch beschleicht einen beim Schauen eine merkwürdige Ambivalenz. Man interessiert sich für etwas, das zum Schauen nicht gemacht ist. Nicht direkt ein Geheimnis. Aber so ähnlich.

Was also Joachim Brohm gemacht hat, mit vierzwanzig Jahren, ist so simpel wie effektiv: Er hat die Kleingärten als bauliche Anlagen beschrieben, und zwar als Einheit von Gelände und Gebäude. Er ist im Spätherbst losgezogen, der Himmel neutraler Hintergrund, die Bäume schon nur noch Gerippe im Bild, die Vogelhäuschen da oben als Karikaturen auf die Häuser und Häuschen und Schuppen da unten, die selbst Miniaturen sind. Aber von was?

Wichtig im Titel ist auch das Datum 1979. Zwar lehrte Bernd Becher an der Kunstakademie in der Nachbarstadt Düsseldorf seit 1976, aber von einer Becher-Schule konnte damals noch keine Rede sein. Brohm, noch Student in Essen, probierte nur mal die Methode der Meister aus. Auch die Fördertürme und Hochöfen bei den Bechers sehen recht verwegen aus, unbegreiflich kleinteilig, aber sie werden bewundert als Werke von Ingenieuren. Bei Brohm, in Farbe, wirken die Schuppen und Hütten wie Hervorbringungen merkwürdiger Sonderlinge, Zeugnisse einer bis dahin übersehenen Pathologie.
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